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31.12.2018

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12.11.2018

St. Martin - 3.letzter So. im Kirchenjahr - Pfarrerin Annette Röhrs

St. Martin

Vielleicht, liebe Gemeinde, fragen Sie sich, wieso ich vormittags, am hellerlichten Tage St. Martin feiern will. Das ist doch eine Sache für den Abend. Eine Sache von Laternenumzügen und Martinsfeuern. Und eigentlich, ja eigentlich auch eine Sache für Kinder.

Vermutliche sind auch Einige unter Ihnen, die sich fragen, was wir Evangelischen denn mit St. Martin zu tun haben. Einem katholischen Heiligen!

Nun, zum einen war der Heilige Martin der Namensgeber von Martin Luther. Martin Luther wurde am 10. November geboren und einen Tag später, am 11.11., getauft. Er bekam, wie es damals verbreitet war, den Namen des Heiligen, dessen Gedenktag an seinem Tauftag war: Martin. Martin Luther wird sich dessen nicht geschämt haben, denn der Heilige Martin war ein beeindruckender Mann.

Die Legende von der Mantelteilung ist weithin bekannt. Es war eine Tat von vorbildlicher Nächstenliebe wie sie einem guten Christenmenschen, und so einer wollte Martin Luther ja sein, gut zu Gesicht steht. Der Heilige Martin war und bleibt jemand, der uns Vorbild im Glauben sein kann. In einer Zeit, wo das Teilen in unserer Gesellschaft nicht so sehr Hochkonjunktur hat, einmal mehr.

Der Heilige Martin wurde 316 im heutigen Ungarn geboren und diente schon früh als Soldat der römischen Armee. In dieser Zeit traf er dann den frierenden Bettler, dem er die Hälfte seines Mantels schenkte. In der folgenden Nacht, so wird erzählt, erschien im Jesus im Traum. Jesus sagte: er selbst sei der Bettler gewesen. Der Soldat Martin war von diesem Traum so beeindruckt, dass er das Soldat-sein aufgab und sich taufen ließ. Später wurde wegen seiner hilfsbereiten Art zum Bischof von Tours gewählt. Am 11. November 400 ist er gestorben.

Später ist er dann heilig gesprochen worden. Und auch wenn wir Evangelischen das katholische Verständnis von dieser Art von Heiligkeit nicht teilen. Wenn es uns fremd ist, jemand anderen als Jesus Christus, Gott, den Vater oder den Heiligen Geist um Hilfe anzurufen und anzubeten, so können uns die Heiligen eben dennoch Vorbild im und Ermutigung zum Glauben sein.

Das, was der Heilige Martin getan hat, ist bei weitem keine Angelegenheit nur für Kinder - auch wenn man mit Blick auf die heutigen St Martins Feiern diesen Eindruck bekommen könnte. Es ist nicht nur eine schöne Geschichte.

Sie hat ungeheuren menschlichen Ernst. Und sie hat Ernst im Glauben.

Das war Martin tut, setzt ins Leben um, woran Jesus seine Freunden und alle, diejenigen, die ihm nachfolgen - also auch uns - erinnert. Im Matthäus-Evangelium heißt es: „Was ihr einem meiner geringsten Brüder und Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan." Will sagen: Wenn ihr einen Bettler halb erfroren liegen lasst, dann lasst ihr mich halb erfroren liegen. Wenn ihr einer, die Hunger hat, nichts zu essen gebt, dann gebt ihr mir nichts zu essen. Wenn ihr einem, der Heimat sucht, keine anbietet, dann lasst ihr mich heimatlos. Und das gilt natürlich auch andersrum: wenn ihr euch um Einsame, um Außenseiter, um Kranke kümmert, dann kümmert ihr euch um mich.

Das sind klar Worte. Mir tun sie immer wieder weh. Und ich vermute, die meisten von Ihnen kennen das auch zu gut: da weiß man, man sollte helfen und tut es nicht.

Da gewinnt an Schärfe, was man uns immer wieder nachsagt: da nennt ihr euch Christen, da „rennt" ihr in die Kirche, aber an eurem Handeln merkt man die Nächstenliebe nicht so sehr - und die Feindesliebe schon mal gar nicht.

Nicht immer sind solche Aussagen gerecht. Aber an vielen Stellen treffen sie eben doch zu und tun hartnäckig weh wie ein kleiner Splitter im Finger, den man nicht rauskriegt.

Die Geschichte von St. Martin ist keine niedliche Geschichte für Kinder. Und wir tun gut daran, ab und zu die Folklore, die sich über den heutigen Tag gelegt hat, an die Seite zu legen. Oder zumindest einen tieferen Blick auf sie zu werfen und uns erinnern - und ja - uns auch ermahnen zu lassen. Wir tun gut daran, die Geschichte vom Heiligen Martin nicht als „katholisch" abzutun, als etwas das uns Evangelische nichts anginge. Denn das tut sie wie gesagt.

Wie verhalten wir uns? Das fragt diese Geschichte.

Sie fragt auch: wie viel braucht ein Mensch zum Leben? Braucht er einen ganzen Mantel, oder zwei, oder drei? Oder reicht ein halber?

Wie viel braucht ein Mensch zum Leben?

Die Frage ist gar nicht so leicht zu beantworten. Denn es geht ja nicht allein darum, wie viel Geld man braucht. Bei der Frage, was wir zum Leben brauchen, geht es auch um Geld, aber es geht noch um viel mehr.

Wenn wir uns mal unseren Täuflinge, Liv, Lia und Paul, anschauen und überlegen: „Was wünschen wir ihnen für ihr Leben?" dann wären 4000€ netto sicher nicht ganz oben auf der Liste, sondern eher Wünsche wie: Dass sie Eltern haben, die sie lieben. Dass sie in Frieden aufwachsen können. Dass sie gute Freunde finden, auf die sie zählen können. Dass sie einen Marienkäfer als ein Wundertier entdecken, über das man nur begeistert staunen kann. Dass sie in viele Pfützen springen dürfen, auch mal ohne Gummistiefel. Dass sie ihren himmlischen Vater, ihre himmlische Mutter kennen und lieben lernen und erfahren: Gott ist für sie da, ohne Wenn und Aber.

Wie viel braucht ein Mensch zum Leben? Zu einem Leben, das mehr ist, als Überleben, zu einem Leben, das nach Himmel schmeckt.

Es gibt keine allgemein gültige Antwort, keine Regel, die für alle gilt. Ich glaube, diese Frage lässt sich immer nur ganz konkret beantworten. Für einen bestimmten Moment, in einer bestimmten Situation. Der Bettler, dem Martin begegnet, der brauchte einen Mantel. 

Martin teilt seinen Mantel, verhält sich so, wie Jesus es sich von uns wünscht. Indem Martin ganz in Jesu Nachfolge lebt, teilt er ein Stück des Himmels aus, den Jesus auf die Erde gebracht.

Da könnte nun einer sagen: „Aber Martin hätte diesen Mantel gar nicht teilen dürfen. Das war nämlich gar nicht seiner. Genau genommen gehörte der Mantel als Uniformteil nämlich dem Kaiser und Martin war für diesen Mantel rechenschaftspflichtig. Das ist juristisch betrachtet Beschädigung und Veruntreuung von Staatseigentum und das macht man nicht mal so eben im Vorbeireiten. Da muss man erst Rücksprache mit den Vorgesetzten halten, auf jeden Fall braucht es dafür eine Genehmigung des Kaisers. Da muss man erstmal ein Ticket ziehen bis man dran kommt."

Ja, vermutlich hat Martin sich mit dieser Tat eine Menge Ärger bei seinen Vorgesetzten eingehandelt. Der Einwand, Martin hätte das nicht tun dürfen, ist sachlich richtig, und doch geht er in die Irre. Denn hinter solch scheinbar richtigen, vernünftigen Bedenken und Einwänden verstecken sich allzu oft diejenigen, die selbst zu ängstlich sind, überhaupt etwas zu tun.

 Martin handelt richtig auch wenn er damit Ärger in Kauf nimmt. Er handelt richtig, weil er einem Notleidenden gibt, was der braucht. Unabhängig davon, ob er das hätte tun dürfen. Ist die Not vor uns groß, dann müssen wir handeln.

Martin handelt im Sinne von Jesus. Er sieht den anderen, geht nicht vorüber. Holt ein Stück Himmel für den Bettlerauf die Erde - so wie Jesus es mit Menschen in Not immer wieder getan hat.

Wie viel braucht ein Mensch zum Leben?

Martin gibt darauf eine beeindruckende Antwort, die in dieser Situation genau die richtige war. Sicher kann man da keine allgemeine Regel von ableiten: „Geht nach Hause, zerschneidet eure Mäntel und reicht sie an Bettler weiter." Das ist natürlich Unsinn.

Aber Martin macht uns Mut, angesichts von Not und Elend auf unser Herz zu hören, auf Jesus zu hören, anzupacken, zu helfen, womit wir können. Loszugehen, auch mal ohne Masterplan, ohne zu wissen, wohin das führt. Im Vertrauen darauf, dass Gott unsere Wege führt, und eben manchmal auch ganz anders, als wir uns das so ausdenken. Diese Not, das sei noch mal erinnert, sie muss nicht materieller Natur sein. Vielleicht ist es an uns mutig auf Vorgesetzte oder Klassenkameraden zuzugehen und ihnen zu sagen, dass ihr Verhalten gegenüber einem Kollegen, einer Mitschülerin falsch ist. Vielleicht es an uns, mutig zu einem zu gehen, den alle anderen doof finden und der auf den ersten Blick auch wirklich doof scheint - aber der ja vielleicht, vielleicht nur dringend auf ein nettes Wort wartet.

Wie viel braucht ein Mensch zum Leben?

Die Geschichte von Martin gibt noch eine zweite Antwort, denn  Martin ist nicht nur der Gebende, er ist am Ende auch ein Beschenkter. Seine Offizierslaufbahn musste er zwar an den Nagel hängen, das ist historisch verbürgt. Aber der Traum, in dem ihm Jesus erscheint als der Bettler, der die geteilte und verschenkte Mantelhälfte trägt, der zeigt: Martin ist eng verbunden mit Jesus. Sie tragen gemeinsam einen Mantel. In diesen Mantelhälften verbinden sich Himmel und Erde, Martin hat am Himmelreich teil: Was wir verschenkten, das ist nicht einfach nur weg. Sondern was wir verschenken, verbindet uns mit dem Himmelreich.

Amen.

 

28.10.2018

22. So. n. Trinitatis Römrer 7 Pfarrer Hartmut Friebolin

Innerer Widerspruch.              Hier zu hören als MP3  

 

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